Hintergrundinformationen zu Gewalt in der Pflege

Zahlen, Daten, Fakten - Vorkommen von Gewalt in der Pflege

Die Datenlage zu Ausmaß und Vorkommen von Gewalt in der Pflege ist dünn. Dies lässt sich u.a. damit erklären, dass keine einheitliche Definition des Begriffs Gewalt vorliegt und das Vorkommen schwer zu untersuchen ist (Lesen Sie mehr dazu hier). Insofern sind auch die Ergebnisse vorhandener Studien nur schwer zu vergleichen.

 

„Was wir wissen, ist ein Tropfen,

was wir nicht wissen, ein Ozean.“

Sir Isaac Newton

Expertinnen und Experten gehen von einer sehr hohen Dunkelziffer bei Gewalt in Pflegebeziehungen aus. In einer repräsentativen Bevölkerungsbefragung der Stiftung ZQP im April 2014 geben 35 Prozent der Personen mit Erfahrungen in der Pflege nahestehender Personen an, mindestens einmal aggressives oder gewalttätiges Verhalten beobachtet zu haben.

 

 

Hingegen untersuchen mehr Studien das Thema „Gewalt gegen ältere Menschen“ im Allgemeinen und somit ist die Datenlage für diesen Bereich auch umfassender. Die folgenden Schätzungen für Europa aus einem WHO-Bericht aus dem Jahr 2011 (“European report on preventing elder maltreatment”) zeigen, wie hoch relevant das Thema „Gewalt gegen ältere Menschen“ ist:

 

Gewalterfahrungen von über 60-jährigen Menschen 

Körperliche Gewalt

2,7 % bzw. 4 Millionen Menschen > 60 Jahre

 

Psychische Gewalt

19,4 % bzw. 29 Millionen Menschen > 60 Jahre

 

Sexualisierte Gewalt

0,7 % bzw. 1 Millionen Menschen > 60 Jahre

 

Finanzielle Übervorteilung/ Ausbeutung

3,8 % bzw. 6 MillionenMenschen  > 60 Jahre

 

In einer deutschen Studie zum Vorkommen von Misshandlungen und Vernachlässigung in der stationären Pflege wurden 81 Pflegende aus acht Altenheimen interviewt (Görgen, 2006) und gaben Folgendes an:

Professionell Pflegende berichten...

 

>70 % sich problematisch gegenüber Heimbewohnern/-innen verhalten zu haben

 

37 % von Formen körperlicher und verbaler Misshandlung

 

20 % von körperlicher Gewalt

 

27 % von pflegerischer Vernachlässigung

 

In einer weiteren Untersuchung wurden 254 familial Pflegende befragt, die seit mindestens einem Jahr einen Angehörigen oder Bekannten pflegen (Görgen et al., 2012). Dabei wurden folgende Angaben gemacht:

 

Pflegende Angehörige berichten...

 

48 % psychische Misshandlung angewendet zu haben

 

19 % körperlicher Gewalt angewendet zu haben

 

selten von pflegerischer Vernachlässigung

 

Die hohe Relevanz des Themas zeigen auch die Daten einer wichtigen deutschen Initiative im Kontext Gewaltprävention in der Pflege, „Handeln statt Misshandeln“, die Bonner Initiative gegen Gewalt im Alter e.V.: Zwischen 1997 und 2002 gingen hier über 1000 Anrufe ein, bei denen eine gewalttätige Handlung geschildert wurde (Hirsch et al., 2002). Häufigste Gewaltformen waren hier die psychische Gewalt (seelische Misshandlung) sowie die Vernachlässigung. 

 

Gewalt gegen Pflegende

In der Berichterstattung und der öffentlichen Diskussion zum Thema Gewalt und Pflege liegt der Fokus häufig auf Vorfällen, bei denen ältere und pflegebedürftige Menschen Opfer von gewalttätigem Handeln werden. Laut der Berufsgenossenschaft für Gesundheitsdienst und Wohlfahrtspflege (BGW) gehören gewalttätige Vorkommnisse aber auch für viele in der Pflege Beschäftige zum Berufsalltag. Jedoch variieren auch hier die Zahlen zur Existenz gewalttätiger oder aggressiver Vorkommnisse – die Gründe gleichen den oben genannten. Eine BGW Befragung von Beschäftigen im Gesundheitswesen aus dem Jahr 2009 (Zeh et al., 2009) kommt zu folgenden Ergebnissen:

Beschäftigte in der stationären Pflege berichten...

 

63% im letzten Jahr Gewalt erfahren zu haben

 

78% im letzten Jahr verbal angeriffen worden zu sein

 

Beschäftigte in der ambulanten Pflege berichten...

 

40% im letzten Jahr Gewalt erfahren zu haben

 

71% im letzten Jahr verbal angeriffen worden zu sein

 

 

Literatur:

Görgen, T. (2006). „As if I just didn't exist“—Elder abuse and neglect in nursing homes. In Cain, M. & Wahidin, A. (Hrsg.): Ageing, Crime and Society. Devon (UK): Willan.

 

Görgen, T., Herbst, S., Kotlenga, S., Nägele, B. & Rabold, S. (2012). Kriminalitäts- und Gewalterfahrungen im Leben älterer Menschen. Zusammenfassung wesentlicher Ergebnisse einer Studie zu Gefährdungen älterer und pflegebedürftiger Menschen. BMBF (Hrsg.).

 

Hirsch, R.D., Erkens, F., Flötgen, P., Frießner, K., Halfen, M., Vollhardt, B. (2002). Handeln statt Misshandeln: Rückblick-Entwicklung-Aktivitäten, Bonner Schriftenreihe „Gewalt im Alter“, Band 10. Bonn, Eigenverlag.

 

Rabold, S. & Görgen, T. (2007). Misshandlung und Vernachlässigung älterer Menschen durch ambulante Pflegekräfte Ergebnisse einer Befragung von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern ambulanter Dienste. Z Gerontol Geriat 40, 366-374.

 

WHO – World Health Organization (Hrsg.) (2011). European report on preventing elder maltreatment. Genf: WHO.

 

Zeh A , Schablon A , Wohlert C et al. (2009). Gewalt und Aggression in Pflege- und Betreuungsberufen – Ein Literaturüberblick . Gesundheitswesen 71 : 449 – 459.

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