Informationen für pflegende Angehörige

Vereinbarkeit von Pflege und Beruf

Pflegende Angehörige

haben oft zwei

Vollzeitjobs parallel.

Die Organisation der häuslichen Pflegesituation stellt für viele pflegende Angehörige einen dauerhaften Spagat zwischen der Betreuung des pflegebedürftigen Menschen und der Fortführung des eigenen Alltags dar. Besonders die Vereinbarung der Pflege mit dem Beruf kann eine enorme Belastung darstellen. Laut Infratest Sozialforschung entfallen im Schnitt etwa 37 Stunden pro Woche auf die Pflege im häuslichen Umfeld – dies verdeutlicht die enorme Doppelbelastung, denn damit haben viele pflegende Angehörige zwei Vollzeitjobs parallel. Diese Herausforderung führt u. a. dazu, dass mehr als die Hälfte der privat Pflegenden ihre Erwerbstätigkeit für die Pflege des Angehörigen reduziert oder sogar ganz aufgibt – eine Entscheidung mit oftmals weitreichenden Konsequenzen. Denn neben den erheblichen finanziellen Einbußen fehlen auch Anerkennung im Beruf sowie Abwechslung im Alltag.

 

Auf politischer Ebene wurde in den letzten Jahren auf diese gesellschaftliche Entwicklung reagiert und gesetzliche Regelungen für eine bessere Vereinbarkeit von Beruf und Pflege eingeführt: Im Jahr 2008 trat dazu das sogenannte Pflegezeitgesetz in Kraft, dessen Leistungen im Jahr 2012 durch das Familienpflegezeitgesetz erweitert wurden. Die neu eingeführten Regelungen haben es sich zum Ziel gemacht, erwerbstätigen Pflegenden mit flexibler Arbeitszeitgestaltung den Verbleib im Arbeitsleben zu erleichtern. Mit dem „Gesetz zur besseren Vereinbarkeit von Familie, Pflege und Beruf", das der Bundestag am 4. Dezember 2014 beschlossen hat, wurden auch die Leistungen des Familienpflegezeitgesetzes erweitert.

Illustration Beruf und Pflege

Somit existieren konkrete Möglichkeiten zur Verbesserung der Vereinbarkeit von Pflege und Beruf. Wichtig ist es hierbei, sich über die einzelnen Initiativen zu informieren, um dann in einem zweiten Schritt mit dem Arbeitgeber bzw. der Arbeitgeberin die konkreten Optionen zu besprechen. Suchen Sie das direkte Gespräch und scheuen Sie sich nicht, das Thema offen anzusprechen.Nur wenn Ihr Arbeitgeber bzw. ihre Arbeitgeberin von Ihrer Situation und dem damit verbundenen Bedarf einer Unterstützung und Entlastung weiß, haben sie auch die Möglichkeit, darauf zu reagieren! Aktuelle Umfragen verdeutlichen nämlich, dass bestehende Möglichkeiten noch zu wenig genutzt werden und daher auch das Problem-bewusstsein auf Arbeitgeberseite manchmal noch nicht vollständig vorhanden ist.

Für die Organisation und Übernahme der Pflege eines Angehörigen, sieht der Gesetzgeber ab dem 1. Januar 2015 folgende Möglichkeiten vor:

  • Kurzfristige 10tägige Freistellung: Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer haben einen Rechtsanspruch auf eine kurzfristige, max. 10tägige Freistellung für die Organisation einer akut aufgetretenen Pflegesituation eines nahen Angehörigen. Sie erhalten in dieser Auszeit mit dem Pflegeunterstützungsgeld eine Lohnersatzleistung, welche von der Pflegekasse bzw. bei privatversicherten Pflegebedürftigen durch das Versicherungsunternehmen getragen wird. Dabei werden bis zu 90 Prozent des ausgefallenen Nettoentgelts bezahlt. Dieses Recht gilt gegenüber allen Arbeitgebern unabhängig von der Größe des Unternehmens.
  • Pflegezeit: Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer haben einen Rechtsanspruch auf maximal 6 Monate unbezahlte volle oder teilweise Freistellung von der Arbeit, um sich um einen pflegebedürftigen Angehörige zu kümmern. Zur besseren Absicherung des Lebensunterhalts in dieser Phase haben sie einen Anspruch auf ein zinsloses Darlehen, das sie nach Ende der Pflegezeit in Raten zurückzahlen müssen. Das Darlehen wird in monatlichen Raten ausgezahlt und deckt die Hälfte des durch die Arbeitszeitreduzierung fehlenden Nettogehalts ab. Auf entsprechenden Antrag kann auch ein niedrigeres Darlehen – bis zu einer Mindesthöhe von 50 Euro monatlich – genommen werden. Der Rechtsanspruch auf Pflegezeit besteht nur für Unternehmen mit mehr als 15 Beschäftigten.
  • Familienpflegezeit: Beschäftigte haben einen Rechtsanspruch auf eine teilweise Freistellung von bis zu 24 Monaten, wenn sie einen pflegebedürftigen nahen Angehörigen in häuslicher Umgebung pflegen. Es muss eine Mindestarbeitszeit von 15 Stunden wöchentlich eingehalten werden. Voraussetzung ist hierbei, dass bei der zu pflegenden Person mindestens eine Pflegestufe I vorliegt. Zur besseren Absicherung des Lebensunterhalts während der reduzierten Arbeitszeit besteht ein Anspruch auf ein zinsloses Darlehen, das nach Ende der Familienpflegezeit sukzessive zurückgezahlt werden muss. Die zuvor verpflichtende Familienpflegezeitversicherung entfällt. Der Rechtsanspruch auf Familienpflegezeit besteht nur für Unternehmen mit mehr als 25 Beschäftigten.
  • Begleitung Schwerstkranker Angehöriger in der letzten Lebensphase: Angehörige haben einen Rechtsanspruch darauf, in der letzten Lebensphase des pflegebedürftigen Familienmitglieds drei Monate lang weniger zu arbeiten oder auch ganz auszusetzen. Sie können so für ihre Angehörigen auf ihrem letzten Weg sorgen. Auch sie haben einen Anspruch auf das zinslose Darlehen. 
  • Betreuung minderjähriger, pflegebedürftiger naher Angehöriger: Angehörige haben die Möglichkeit, für die Betreuung minderjähriger, pflegebedürftiger naher Angehöriger sich teilweise oder vollständig freistellen zu lassen. Dies gilt auch für die Betreuung in einer außerhäuslichen Umgebung. Die Inanspruchnahme der Pflegezeit setzt jedoch eine Pflegebedürftigkeit voraus.

Allgemeine Hintergrundinformationen

  • Kreis der Anspruchsberechtigten: Künftig gelten die gesetzlichen Regelungen für die Vereinbarkeit von Pflege und Beruf für weitere nahe Angehörige. Bislang umfasst ist schon die Pflege von Großeltern und Eltern, Schwiegereltern, Ehegatten, Lebenspartnern, Partnern einer eheähnlichen Gemeinschaft, Geschwistern sowie von Kindern, Adoptiv- oder Pflegekindern, den Kindern, Adoptiv- oder Pflegekindern des Ehegatten oder Lebenspartners, der Schwiegerkinder und Enkelkinder. Seit dem 1. Januar 2015 sind auch Stiefeltern, Schwägerinnen und Schwäger sowie lebenspartnerschaftsähnliche Gemeinschaften einbezogen.
  • Rechtsanspruch: Das Recht auf  eine kurzfristige 10tägige Freistellung gilt gegenüber allen Arbeitgebern unabhängig von der Größe des Unternehmens. Der Rechtsanspruch auf Pflegezeit (bis zu sechs Monate) besteht nur für Unternehmen mit mehr als 15 Beschäftigten. Der Rechtsanspruch auf Familienpflegezeit (bis zu 24 Monate) besteht nur für Unternehmen mit mehr als 25 Beschäftigten. 
  • Die Gesamtdauer aller Freistellungsmöglichkeiten beträgt zusammen höchstens 24 Monate. Die Pflegezeit und die Familienpflegezeit können miteinander kombiniert werden und auch ineinander übergehen. Zieht sich die Pflege länger als 24 Monate hin, können mehrere Angehörige die Pflegezeit oder Familienpflegezeit nehmen - nacheinander oder parallel. 
  • Inanspruchnahme des zinslosen Darlehens: Das zinslose Darlehen können Beschäftigte direkt beim Bundesamt für Familie und zivilgesellschaftliche Aufgaben (BAFzA) beantragen. Dieses Darlehen soll helfen, den Verdienstausfall auszugleichen und wird in monatlichen Raten ausgezahlt. Es deckt üblicherweise die Hälfte des durch die Arbeitszeitreduzierung fehlenden Nettogehalts ab. Auf entsprechenden Antrag kann auch ein niedrigeres Darlehen - bis zu einer Mindesthöhe von 50 Euro monatlich - genommen werden. Das zinslose Darlehen muss nach dem Ende der Pflegezeit in Raten wieder zurückgezahlt werden. Das BAFzA kann auf Antrag die Rückzahlung des Darlehens stunden, um eine besondere Härte für die Beschäftigten zu vermeiden (Härtefallregelung). Darüber hinaus gibt es die Möglichkeit eines teilweisen Darlehenserlasses oder eines Erlöschens der Darlehensschuld. 
  • Sozialversicherungsschutz: Vom Pflegeunterstützungsgeld werden Beiträge zur Kranken-, Renten- und Arbeitslosenversicherung gezahlt. Der Leistungsbezieher zahlt jeweils den halben Anteil, die Pflegekasse darüber hinaus aus 80% des täglichen Bruttoentgelts. Auch in der Pflegzeit/Familienpflegezeit bleibt der Sozialversicherungsschutz bestehen: Falls der Kranken- und Pflegeversicherungsschutz während der Pflegezeit nicht über die Familienversicherung bestehen bleibt, zahlt die Pflegeversicherung auf Antrag den Beitrag für die Kranken- und Pflegeversicherung in Höhe des Mindestbeitrags. Bei einer Mindestpflegedauer von 14 Stunden pro Woche bleibt die Rentenversicherung bestehen. Die Beiträge für die Arbeitslosenversicherung werden von der Pflegekasse übernommen. 
  • Kündigungsschutz: Von der Ankündigung der kurzzeitigen Arbeitsverhinderung, der Freistellungen nach dem Pflegezeitgesetz oder dem Familienpflegezeitgesetz bis zur Beendigung der kurzzeitigen Arbeitsverhinderung oder der genannten Freistellungen darf der Arbeitgeber das Beschäftigungsverhältnis nicht kündigen.

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