Informationen für professionell Pflegende

Problematische Pflegesituationen in der Familie

Mitarbeiterinnen oder Mitarbeiter eines ambulanten Pflegedienstes besitzen oft tiefe Einblicke in die Privatsphäre und die Beziehungskonstellationen des Haushaltes, in welchen sie als Pflegekraft tätig sind. Möglicherweise nehmen sie damit – sogar als einzige außenstehende Person – Vernachlässigung oder sogar Misshandlung wahr.

 
Werden Pflegende so Zeugen problematischer Verhaltensweisen, so gilt es, selbst zu handeln beziehungsweise Hilfe durch Dritte zu veranlassen, um die Situation zu verbessern. Denn aufgrund der sogenannten Garantenpflicht ist das Pflegepersonal dazu verpflichtet zu verhindern, dass einem Pflegebedürftigen durch unterlassene Hilfeleistung Schaden zugefügt wird.
So verletzt das Pflegepersonal seine ihm obliegende Garantenpflicht und macht sich möglicherweise strafbar (wegen der Beihilfe zur Körperverletzung durch Unterlassen oder auch der Beihilfe zur Misshandlung Schutzbefohlener durch Unterlassen), wenn es nach der Wahrnehmung von Misshandlung und Vernachlässigung der Pflegeperson beziehungsweise deren Folgen nichts unternimmt.
Des Weiteren sind Pflegedienste dazu verpflichtet, auch die Pflegekassen im Einzelfall auf eine mangelnde Versorgung des Pflegebedürftigen hinzuweisen. Im Rahmen des Pflegeauftrags sind die Zusammenarbeit von Pflegedienst und Pflegekasse sowie das Sorgetragen für das Wohl des Pflegebedürftigen ausdrücklich Aufgabe und Pflicht der an der Pflege Beteiligten.

Das Pflegepersonal verletzt seine Garantenpflicht,

wenn es im Fall von Misshandlung oder

Vernachlässigung nichts unternimmt.

Die konkreten Interventionen richten sich hierbei immer nach dem Handlungsdruck, das heißt vor allem dem gesundheitlichen Risiko für die pflegebedürftige Person beziehungsweise der Tragbarkeit der bestehenden Pflegekonstellation und der Sicherstellung der Versorgung. Ein möglicher erster Schritt könnte beispielsweise sein, im Fall kritischer Situationen den Pflegebedürftigen sowie die pflegende Person über eine mögliche Erweiterung der Unterstützung zu beraten.

 

Im Folgenden finden sich einige Punkte, die den Umgang mit problematischen Situationen in der betreuten Familie betreffen:

  • Bei problematischen Pflegebeziehungen/ -situationen mit hohem Aggressions- und Gewaltrisiko sollte eine zeitnahe Beratung der pflegebedürftigen sowie pflegenden Person über Entlastungsmöglichkeiten und eine mögliche Erweiterung der Unterstützung erfolgen.
  • Falls kein unmittelbares Einschreiten in die Situation erforderlich erscheint, sollte dennoch zeitnah ein lösungsorientiertes Gespräch mit der Pflegedienstleitung und im Kollegenkreis stattfinden. (z. B. eine „kollegiale Beratung“).
  • Gesprächs- oder Hilfeangebote werden nicht selten aufgrund von Ängsten abgelehnt. Suchen Sie dennoch immer wieder behutsam den Zugang zu den Beteiligten – denn es ist sehr wahrscheinlich, dass der Leidensdruck groß ist.

Generell gilt, dass Pflegekräfte sowohl konkrete Gewaltbeobachtungen aber auch Gewaltverdachte der Pflegedienstleitung melden sollten. Erwägt die Pflegedienstleitung hier das Einschalten von externen Hilfen, so ergibt sich die Situation einer Rechtsabwägung zwischen der oben erwähnten Garantenpflicht, als auch der Schweigepflicht. 

Gewaltvorfälle und daraus resultierende

Entscheidungen sollten immer mit Blick auf

juristische Untersuchungen dokumentiert werden. 

Daher sollten diese Entscheidungen immer umfassend und nachvollziehbar dokumentiert werden, um  den Pflegedienst im Fall einer juristischen Untersuchung vor Konsequenzen zu schützen.

 

Es gibt Situationen, in denen unmittelbares Einschreiten erforderlich ist, zum Beispiel wenn an der pflegebedürftigen Person gerüttelt, sie angeschrien oder ihr das Essen gewaltsam eingegeben wird. Dabei sollten folgende Aspekte berücksichtigt werden:

 

  • Zunächst gilt es, die eigene Aufregung zu kontrollieren, um dann durch ein ruhiges Auftreten eine deeskalierende Kommunikation zu ermöglichen. 
  • Die Pflegeperson sollte für ein Gespräch aus dem Raum und zu einem gemeinsamen Sitzplatz gebeten werden.
  • Der eigene Eindruck und die eigenen Beobachtungen sollten zunächst sachlich geschildert werden. Warum-Fragen sind hierbei meist nicht hilfreich. 
  • Auch der Pflegeperson soll die Möglichkeit gegeben werden, die eigene Sichtweise zu schildern. 
  • Konkrete Vorschläge zu Entlastungs- und Hilfemöglichkeiten sollten vorgestellt und gemeinsam besprochen werden. 
  • Letztendlich ist es wichtig, konkrete Verabredungen zu treffen.

 

Werden professionelle Pflegekräfte Zeugin oder Zeuge von Misshandlung, Vernachlässigung oder Gewalt, die eine akute Gefährdung der pflegebedürftigen Person darstellen, so ist eine schnelle, adäquate Reaktion gefordert. Hier gilt es, alle Möglichkeiten zu ergreifen, um die pflegebedürftige Person zu schützen, ohne sich selbst in Gefahr zu bringen. Falls möglich, sollte Hilfe durch andere Personen, beispielsweise Kollegen, geholt werden. Wenn der Pflegedienst informiert wird, kann so auch Unterstützung angefordert werden. Bei allen festgestellten körperlichen Verletzungen ist zudem die Hausärztin beziehungsweise der Hausarzt, nötigenfalls der Notarzt zu verständigen. Handelt es sich um besonders schwerwiegende oder wiederkehrende Fälle, so sollte die Polizei informiert werden.

 

Besteht eine rechtliche Betreuung, so ist der Betreuer oder die Betreuerin, die Betreuungsbehörde oder das Betreuungsgericht zu informieren und gegebenenfalls Angehörige, die die Pflege nötigenfalls übernehmen könnten.

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