Informationen für professionell Pflegende

Problematische Pflegesituationen und Gewalt erkennen

Zu den Aufgaben professionell Pflegender gehört es, problematische Pflegesituationen sowie Anzeichen von Gewalt zu erkennen und darauf angemessen zu reagieren.

 

Allerdings sind Gewaltanwendungen auch für professionell Pflegende oft nicht eindeutig erkennbar. Kann die pflegebedürftige Person sich selbst nicht oder nur unklar zu möglichen gewalttätigen Vorfällen äußern oder schweigt sie aus Scham oder Angst, ist die Pflegekraft meist auf ihre eigenen Beobachtungen und Eindrücke angewiesen. Dabei ist es oft schwer, eindeutige Symptome von Gewaltanwendung feststellen. Denn zum Beispiel Hautunterblutungen können auch Folge von Gesundheitsproblemen sein oder Prellungen auf natürliche Stürze zurückgehen.

 

So können die Sorgen, eine Situation falsch zu beurteilen, jemandem Unrecht zu tun oder mit den Beobachtungen nicht angemessen umzugehen, zum Verschweigen wichtiger Beobachtungen führen.

 

Um mehr Sicherheit beim Erkennen hochproblematischer und gewalttätiger Pflegesituationen zu erlangen, ist es wichtig

  • Risikofaktoren zu kennen
  • hochproblematische und gewalttätige Pflegesituationen als solche einzuordnen
  • Symptome von Gewaltanwendungen wahrzunehmen.

Risikofaktoren

  • Starkes gegenseitiges Abhängigkeitsverhältnis zwischen der pflegebedürftigen Person und der Pflegekraft
  • Hohes Belastungsempfinden bei der Pflegeperson
  • Überforderung mit der Pflegeaufgabe, auch Unerfahrenheit in der Pflege
  • Demenzielle Erkrankung bei der pflegebedürftigen Person
  • Schlechter Gesundheitszustand und Einschränkung der Mobilität bei der pflegebedürftigen Person
  • Suchterkrankung der pflegebedürftigen Person oder der Pflegeperson
  • Soziale Isolation der pflegebedürftigen Person oder der Pflegeperson
  • Bestehende familiäre oder partnerschaftliche Konflikte
  • enges Zusammenleben mit der Pflegekraft, beengte Wohnverhältnisse
  • persönliche Gewalterfahrungen der Pflegeperson
  • Aggressives Betriebsklima, roher Umgangston im Team

Indikatoren für problematische, gewalttätige Pflegesituationen

Umgangsformen

  • Unaufgefordertes Duzen
  • Verwendung von Schimpfwörtern
  • Unterhaltung mit Dritten über den Kopf der pflegebedürftigen Person hinweg
  • Rügen (z. B. "Haben Sie sich schon wieder vollgemacht?")
  • Abfällige Äußerungen ( z. B. "Herr X hat alles vollgekleckert")
  • Verweigern von Hörgeräten oder des Putzens der Brille
  • Übermäßiges Lüften, Zugluft herstellen oder Belassen schlechter Gerüche
  • Entwenden der Klingel
  • Betreten des Zimmers, ohne anzuklopfen
  • Verkindlichende Ansprache, verkindlichende Beschäftigungsangebote

Mobilität

  • Anwendung von freiheitsentziehenden Maßnahmen
  • Anwendung eines sogenannten "Seniorensessels" (Sessel mit indirekter Fixierung durch angebrachten Tisch)
  • Anwendung eines sogenannten "Strampelsacks"
  • Einschränkung des Bewegungsspielraums (z. B. Rollstuhl zu eng an den Tisch schieben)
  • Unangemessene Unterstützung der Bewegungen (z. B. zu grob, ruckartig, zu schnell)
  • Lagerung gegen den Willen der pflegebedürftigen Person
  • Mobilisation gegen den Willen der pflegebedürftigen Person
  • Verabreichung von Schlaf- oder Beruhigungsmitteln ohne ärztliche Anordnung

Körperpflege

  • Nächtliches Waschen aus organisatorischen Gründen
  • Zwang zur Körperpflege, Vollbad, Dusche oder Haarwäsche
  • Unzureichendes oder übertriebenes Abfrottieren
  • Haare schneiden gegen den Willen
  • Ungewolltes Fingernägel schneiden, ungewolltes Rasieren bzw. Belassen eines Bartes
  • Ungewollte Anwendung von Pflegemitteln
  • Organisation einer "Waschstraße" (mehrere Bewohner des Heims werden gleichzeitig im Bad gewaschen)
  • Verwendung zu hoher oder zu niedriger Wassertemperatur
  • Unzureichende oder übermäßige Mundpflege
  • Vorenthaltung der Zahnprothese
  • Waschungen ohne Sichtschutz oder bei offener Tür

Essen und Trinken

  • Vorenthaltung von Ess- bzw. Trinkhilfen
  • Anwendung von Lätzchen oder Plastikgeschirr
  • Zu hastiges Anreichen von Essen oder Trinken
  • Nicht ausreichende Nahrung bzw. Flüssigkeit
  • Unerreichbare Platzierung des Essens/Trinkens
  • Verabreichung des Essens auf dem Nachtstuhl
  • Routinemäßige Verabreichung passierter Kost

Ausscheidung

  • Pflegebedürftige Personen zur Verwendung von Inkontinenzhosen zwingen, um Begleitung bei Toilettengängen vermeiden
  • Anbringen eines Dauerkatheters oder Urinkondoms ohne medizinische Indikation
  • Zu spätes Reagieren auf Urindrang der pflegebedürftigen Person; keine Begleitung zu Toilettengängen
  • Einrichtung von "Abführtagen"

Bekleidung

  • Ungewolltes Anziehen bestimmter Kleidungsstücke (z. B. Jogginganzüge, Morgenmäntel)
  • Permanente Bekleidung mit Nachthemden, auch tagsüber
  • Zu kühle oder zu warme Bekleidung
  • Verwendung Schmutziger Kleidung
  • Weiterverwendung der Kleider von Verstorbenen ohne Absprachen für andere Pflegebedürftige
  • Verweigern von Miederwäsche 

Warnsignale

  • Die pflegebedürftige Person wirkt scheu, verängstigt, zurückgezogen oder aggressiv. Auch Schreckhaftigkeit, Schlafstörungen, wahrnehmbare Scham- und Schuldgefühle, Apathie, Sprachlosigkeit oder Übererregtheit können Hinweise auf Gewaltanwendungen sein.
  • Die pflegebedürftige Person weist Verletzungen oder Beschwerden auf, die sich nicht krankheitsbedingt erklären. Es treten gleichzeitig Verletzungen in mehreren Körperregionen auf. Verletzungen befinden sich in verschiedenen Heilungsstadien.
  • Die Beschreibungen des Vorfalls im Hinblick auf die vorhandene Verletzung sind widersprüchlich. Gezielte Fragen lösen extreme Abwehrreaktionen bei der Pflegeperson aus und sie wirkt im Kontakt mit der pflegebedürftigen Person gleichgültig oder übermäßig angespannt.
  • Speziell bei familialer Pflege: die medizinischer Behandlung wird häufig bei unterschiedlichen Einrichtungen in Anspruch genommen. Zwischen Verletzungszeitpunkt und Behandlung vergeht eine unverhältnismäßig lange Zeitspanne. Die Pflegeperson zeigt überfürsorgliches oder überkontrollierendes Verhalten. 

 

Bestimmte Verletzungen und Symptome können Hinweise auf Misshandlungen sein. Sofern es möglich ist, sollte in jedem Fall abgeklärt werden, woher diese Verletzungen stammen.

Folgende Verletzungen und Symptome können ein Hinweis auf Misshandlungen sein

  • Druckgeschwüre
  • Dehydration
  • Unterernährung
  • mangelnde Hygiene
  • Kratzer und Hautabschürfungen
  • Einrisse der Ohrläppchen
  • Griffspuren an Armen und Handrücken
  • Fesselspuren an Hand- und Fußgelenken
  • Abdrücke auf der Haut von Seilen, Stöcken, Schnallen, Gürteln
  • Stauungsblutungen in Augenbindehäuten
  • Trommelfelleinriss
  • Hitzeschädigungen durch Verbrühungen, Zigarettenglut
  • Haarausrisse
  • Bissverletzungen
  • Knochenbrüche, besonders Kieferknochen, Jochbein, Nasenbein, Rippen
  • Zahnverlust
  • Platz- und Schnittwunden

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